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                                                         "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Leben in uns."

                                                                                   (Franz Kafka)

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 © by Sybille Altuner

                                                                                                                                     

                  ...Wir fanden einen flachen Felsbrocken, auf dem wir uns niederließen. Jeder hing seinen Gedanken nach, doch dann musste ich einfach aussprechen, was mir schon seit unserem letzten Gespräch durch den Kopf ging.
"Archie, du hast doch gesagt, dass du auch ausgebildet wirst,… du lernst doch  bestimmt eine Menge über Magie, nicht wahr?"
Nun war er derjenige, der überrascht die Augenbrauen nach oben zog.
"Das Erste was wir lernen, ist zu schweigen, Constance", erwiderte er mit Unbehagen und Bedauern in der Stimme, "aber wieso willst du das wissen?"
"Weil es mich einfach brennend interessiert", bekannte ich mit leiser Stimme. Er lächelte.
"Ich wusste ja schon immer, dass du genauso verrückt bist wie wir alle!"
"Meintest du das, damals unten am See?" fragte ich und er nickte. Ich atmete tief durch und fuhr beherzt fort: " Ich möchte einfach alles wissen, was da ist zwischen Himmel und Erde…und ich möchte es erleben,…und ich fühle, dass es dir genauso geht. Mit Kyle könnte ich darüber nicht sprechen, er würde mich hindern wo er nur kann.
Ich bin glücklich mit ihm, Archie, aber da sind noch so viele andere Dinge in meinem Inneren…" Inzwischen war mir vor Aufregung das Blut in den Kopf gestiegen.
"Ich verstehe dich", sprach er ernst und ruhig, "aber du dürftest doch bei Old Mary auch eine ganze Menge gelernt haben."
"Das stimmt", erwiderte ich, "aber ich fühle, da ist noch soviel mehr,…eine Art männliche Seite der Magie, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Außerdem bringt sie uns nur das bei, was wir zu Heilzwecken unbedingt wissen müssen, oder bei Niederkünften,…welche Kräuter wir für dieses und jenes verwenden sollen,…es ist alles so harmlos und gut, verstehst du?"
"Du kannst einem ja richtig Angst machen!" gab er zurück und blies die Luft aus seinen Lungen, "Was ist falsch daran, über Kräuter Bescheid zu wissen und all das? Wir lernen auch nichts anderes. Ich glaube, du bist auf der Suche nach den Dämonen, vor denen der Graf dich warnte!"
"Archie! Damals am See", sprach ich eindringlich weiter, und versuchte, dabei nicht ärgerlich zu klingen, "als ihr alle eure Hände auf mich legtet, weißt du noch?" Er nickte stumm. Besänftigt holte ich noch einmal Luft und fuhr fort: "Ich sah in jener Nacht den Teufel und er war wunderschön, es war als warte er auf meine Liebe. Ist es nicht so, dass er der erstgeborene Sohn Gottes ist und der schönste und strahlendste aller Engel war? Es war, als suche er Erlösung von seiner schweren Bürde, ich weiß nicht, vielleicht bin ich ja verrückt. Ich wage diese Dinge niemand anderem zu sagen…
In der Nacht beim Grafen sah ich diese entsetzlich leidenden Seelen, auch sie schienen auf meine Hilfe zu warten, und du sprachst von Vampiren, nein, du selbst seist einer, du warst so betroffen davon, dass es schwerlich nur ein Scherz gewesen sein kann! All diese Dinge sind in irgendeiner Weise wahr, und es ist weit mehr als nur ein Hang zum Bösen, der mich umtreibt. Ich muss einfach mehr darüber wissen. Und erzähle mir nicht, dass Kräutertränke brauen alles ist, was du lernst!"
Er starrte angestrengt zu Boden und schien noch ernster als zuvor.
"Das Wissen ist geheim", brachte er mit heiserer Stimme hervor ohne aufzusehen.
" Kyle, Dunbar und Chris scheinen aber eine ganze Menge zu wissen!" wand ich ein und konnte meinen inneren Aufruhr nicht mehr ganz verbergen.
"Ich darf dir darüber nichts mehr sagen, Constance, das hat seine Gründe. Außerdem ist es sehr gefährlich, sich auf solcherlei Dinge einzulassen, und dazu haben wir nicht die Befähigung, Du nicht und ich auch nicht…noch nicht!"
Ich atmete noch einmal tief durch und sprach mit sanfterer Stimme, dankbar dafür, dass er mich nicht ganz ohne Erklärung gelassen hatte: "Aber das ist es ja, ich möchte lernen, erfahren, womit ich es zu tun habe, damit ich irgendwann damit umgehen kann."
"Das Wissen kommt zu Dir, wenn es an der Zeit ist." erklärte er immer noch ohne aufzusehen. Ich seufzte. So in etwa hatte ich es auch von Kyle gehört, wobei Kyle sicher von anderen Dingen sprach, dennoch schien der Weg derselbe zu sein, vielleicht handelte es sich am Ende um ein und dasselbe, um die Vorder -und Rückseite derselben Medaille, sinnierte ich vor mich hin.
"Ich verstehe dich wirklich sehr gut", unterbrach er meinen ergebnislosen Gedankenfluss,  "aber du bringst mich in Teufels Küche, in der einen wie in der anderen Hinsicht."
Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie schlecht es ihm in der letzten Zeit gegangen war, und ich quälte ihn hier mit Fragen, die unter Umständen den sicheren Tod bedeuten konnten.
"Es tut mir leid, ich wollte dich nicht damit auch noch belasten, aber ich habe nie Gelegenheit, mir die Dinge von der Seele zu reden…"

"Du brauchst dich nicht zu entschuldigen", gab er freundlich zurück und sah mir auch wieder in die Augen, "ich kann dir nur einfach nicht mehr sagen. Aber vertraue dich doch Old Mary an, sie wird wissen, was zu tun ist", schlug er hoffnungsvoll vor.
"Ich habe sie schon oft gefragt, aber sie sagte nur immer, es sei zu gefährlich… Aber all diese Dinge passieren doch nicht ohne Grund! Zeigen diese Gesichte, die ich habe nicht, dass es Zeit ist, etwas darüber zu erfahren? Zeigen sie nicht, dass ich kein kleines Mädchen mehr bin, das ewig beschützt werden muss?"
"Mag sein", erwiderte er und er schien mir im Innersten Recht zu geben. Wieder senkte er gedankenverloren den Blick und starrte auf seine ineinander liegenden Hände.
Wenigstens verstand er mich, dachte ich und beruhigte mich wieder. Plötzlich war ich wieder unserer Umgebung gewahr, ich hatte nichts mehr wahrgenommen von dieser Welt während ich mit Archie gesprochen hatte. Ich fühlte die Erde unter meinen Füßen, schnupperte den süßen Duft der Wiesen und des Waldes, spürte den Wind, der mich streichelte, und badete meine Augen in dem satten Grün des Frühsommers. Es war wunderschön und ich spürte, wie mir die Erde Kraft spendete, sie trug und wiegte mich und gab mir alles was ich brauchte. Ich spürte, wie die Kraft der Bäume in mich floss und mich so stark und aufrecht machte, wie einen von ihnen. Da hob auch Archie den Kopf, und sein Blick blieb hoch über den Baumwipfeln stehen. Ich erhob ebenfalls das Haupt und erblickte den Mond, wie er dabei war, sich in voller Pracht aus dem Horizont zu lösen. So spät war es schon, dachte ich bei mir, dabei war es doch noch gar nicht dunkel, nur ein wenig. Auch Archie schien ergriffen von der Schönheit des Anblicks, der sich uns bot.
"Etwas ist da vielleicht, das ich Dir sagen könnte", sprach er unvermittelt. Ich riss die Augen auf und mein Herz begann schneller zu schlagen. "Es ist nichts, was ich gelehrt werde und deshalb geheim halten müsste, es entspringt allein aus mir selbst, …obwohl es natürlich damit in Verbindung steht und sicherlich unter den Tatbestand der Hexerei fällt", er verzog den Mund zu einem müden Lächeln, " ich weiß nicht, ob du es wissen willst…"
"Ich will es wissen!" erwiderte ich aufgeregt, "und ich werde ganz gewiss darüber schweigen!" Erwartungsvoll betrachtete ich ihn und hatte Mühe, nicht ungeduldig nach seinem Arm zu greifen.
"Weißt Du, warum wir Dir die Hände aufgelegt haben?" begann er. Für Sekundenbruchteile spielte sich vor meinem inneren Auge noch einmal die Szene damals am nächtlichen See ab. 
"Nein, warum?" begehrte ich zu erfahren. Er starrte immer noch auf den Boden vor sich.
"Ich habe auch Gesichte,….wenn ich Menschen die Hände auflege, kann ich in ihren Seelen lesen…", er sprach leise und vorsichtig, als fürchtete er, mich mit einem falschen Wort zu verärgern,"…ich sehe Bilder, sehr lebendige Bilder,… es ist, als wären sie aus längst vergangenen Zeiten, in denen wir alle uns schon einmal begegnet sind…"
Bevor er weiter sprach, versicherte er sich mit einem Blick, dass ich ihn auch verstand. Mein Herz klopfte bis zum Halse, denn auch ich hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass ich Archie, Chris, Dunbar und Kyle schon seit ewigen Zeiten kannte.
"Ich weiß nicht was es ist, aber ich hatte bei jedem von uns die gleiche Vision, nicht exakt die gleiche, aber es war so als hätten wir uns alle am selben Ort befunden. Es ist, als wäre es nicht auf unserer Welt, es ist alles so viel leichter dort. Das Seltsame ist, es gab weder Mann noch Frau, diese Wesen waren von beidem etwas, in der schönsten und vollendetsten Form, die man sich nur vorstellen kann…"
"So wie du in etwa?" unterbrach ich ihn, um sicherzugehen, dass ich ihm noch folgen konnte.
Er grinste. "So in etwa, ja!" antwortete er und ließ es dabei nicht an Spott fehlen. "…und es gab eine große Liebe zwischen allen diesen Wesen. Es war nicht so wie hier, den einen mag man man, den anderen nicht. Es gab auch keine körperliche Vereinigung wie wir sie kennen, eine bloße Umarmung barg mehr Glück, als wir es uns je vorstellen können. Alle waren sehr in einem inneren Glück, denn jedes einzelne Wesen stand in der Blüte seines Seins. Geboren wurden sie direkt aus dem Äther. Wenn eine Seele kommen sollte, empfingen sie die anderen in ihrer Mitte, der Körper manifestierte sich in ihrer Mitte mit Hilfe ihres Willens und ihrer Gedanken und ihrer Liebe…"
"Und das hast du bei mir auch gesehen?" fragte ich äußerlich um Ruhe bemüht.
"Ja."
"Eine wahrlich gute Art geboren zu werden!" sprach ich ergriffen.
"Ja." sagte er abermals.

"Der nächste Vollmond ist nicht weit", sprach ich nach einer Weile.
"Ja, und auch die Sommersonnenwende", erwiderte er und schaute immer noch auf das große, fein schimmernde Oval am Himmel.
"Gibt der König ein Fest?"
"Ich glaube nicht, es wird nicht gern gesehen, du weißt schon…Am liebsten würden diese Moralprediger noch den Mond vom Himmel holen, nur damit wir nichts mehr haben, um unsere Kraft zu spüren…aber das können sie nicht, das nicht. Es gibt etwas, das größer und mächtiger ist, als wir alle zusammen, und eines Tages wird die Wahrheit wieder ans Licht gelangen, denn sie ist die stärkste Kraft, Wahrheit und Liebe…"
Seine Worte klangen wie eine Warnung und ein Gebet zugleich, das er in eine weit entfernte Zukunft schickte, als hoffte er, die Zukunft könnte ihre goldenen Strahlen zu uns zurückwerfen und unseren Weg dorthin erhellen. Der Wind wehte stärker und Kälte kroch in unsere Knochen, es war Zeit zu gehen. Einvernehmlich erhoben wir uns und schlugen nun einen anderen Weg zurück zum Schlosse ein, einen weniger beschwerlichen, der uns am Wald entlang, durch das Dorf führen sollte und schließlich wieder durch den Wald zurück zum Schloss. Am Wegesrand fachsimpelten wir gutgelaunt über die Wirkung von allerlei Kräutern und Wurzeln, es blieb mir auch nicht verborgen, dass er sehr wohl wusste, wozu ich einen Großteil meiner Kräuter sammelte, nämlich um zu verhindern, dass sich eine neue Seele allzu heimisch bei mir fühlte.
"Dein Vater könnte wieder zu dir kommen", gab er freundlich zu bedenken, während er selbst ein paar Gräser pflückte und sie mir vorsichtig in die Hände legte.
"Ich weiß, aber ich will die Strapazen nicht auf mich nehmen, nicht wenn ich es verhindern kann", erklärte ich und hatte keine Furcht, denn ich wusste er würde mich nicht verraten.
Er lächelte in sich hinein und sagte nichts mehr dazu ...

                                                                                                                                                                                                                                                        

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